Sigrid Dobat

Autorin, geboren 1943 in Kiel

Sigrid Dobat

Romane und Erzählungen über Menschen, ihre Lebensmühen und Lebensfreuden: geschöpft aus den großen, oft unbeantworteten Fragen der Nachkriegszeit.

Sigrid Dobat liest aus ihrem Roman „Nenn’ mich Margot“

„Ich spüre klar und deutlich die Gewissheit, dass das, was ist, was sich gerade ereignet, meines ist.“

aus Nenn’ mich Margot

Über die Autorin

Sigrid Dobat, 1943 in Kiel geboren und aufgewachsen in Flintbek und Kiel, lebt heute mit ihrem Mann in Harrislee bei Flensburg. Nach einem aktiven Berufsleben als Realschullehrerin, Studienleiterin und Supervisorin widmet sie sich dem Schreiben und der Malerei.

Ihr Interesse gilt den Menschen: ihren Lebensmühen, Lebensfreuden und Friktionen. Die Stoffe für ihre Romane findet sie in den großen Fragen der Nachkriegszeit, besonders in denen, die ohne Antwort geblieben sind und die Menschen bis in unsere Zeit bewegen. Bekannt ist sie durch Lesungen und durch Ausstellungen ihrer Bilder; sie arbeitet aktiv in zwei Autorenkreisen mit.

Sigrid Dobat bei einer Lesung

Romane und Erzählungen

Malerei

Neben dem Schreiben widmet sich Sigrid Dobat der Malerei, in verschiedenen Techniken, bevorzugt jedoch Aquarell. Ihre Bilder zeigen dieselbe genaue Beobachtung wie ihre Texte. Sie waren mehrfach in Ausstellungen zu sehen.

Aquarell: Birken im Winterlicht
Aquarell: Rosen und Tulpen
Aquarell: Blumen in zarten Farbtönen
Aquarell: Tulpenblüten
Aquarell: Brandung am Strand, Segelboote am Horizont
Aquarell: Ruderboot auf stillem Wasser
Aquarell: Kahle Bäume im Wald

Aktuelles

Rückblick · Lesung „Geschichten zu Bildern“, Museumsberg Flensburg, 1. Oktober 2026

Volles Haus auf dem Museumsberg

Die Lesung auf dem Museumsberg war ein voller Erfolg! Volles Haus! Unser Publikum wanderte bereitwillig von Bild zu Bild, setzte sich auf die Klappstühle des Museums, hörte zu und vor allem: es gab rege Diskussionen zu den Texten und zu den Bildern. Ein großer Erfolg für uns als Lesende und für das Museum.

So wünschen wir uns Lesungen, Texte von heiter bis ergreifend. Texte, die die Bilder noch erfahrbarer machen, die anregen zu Gesprächen. Anregen, Bilder neu zu sehen.

Ankündigungsflyer der Lesung „Geschichten zu Bildern“ auf dem Museumsberg Flensburg, mit Porträts der lesenden Autorinnen und Autoren, darunter Sigrid Dobat

Termine

Lesungen & Auftritte

Kontakt

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Zimmer Nummer 18

Der Chef hat ihr den Auftrag zugeteilt: Kleinstadt im Hessischen, mittelständischer Betrieb, mehr Kosten als Gewinn. Das Übliche also, sie kennt das. Sie wird Personal reduzieren, den Arbeitsablauf optimieren und die Zuversicht verbreiten, dass die Zahlen in Kürze wieder schwarz sein werden. Der zeitliche Rahmen für die Beratung wird auf zwei Tage festgelegt, sie ist sicher, die Zeit wird reichen.

„Ich habe ein hübsches Hotel reserviert“, lächelt die Sekretärin, „wenigstens nett sollen Sie es haben.“

Viel Gepäck braucht sie nicht, ihr kleiner Rolli reicht. Die Uniform ist immer die gleiche: Edeljeans, im Sommer weiß. Dazu das Armanishirt und den blauen Blazer, im Sommer den seidigen. Sie wählt die blauen Sandaletten mit den hohen Absätzen.

Die schmale lederne Aktenmappe fasst die Unterlagen, die ihr zugesandt wurden. Sie hatte sie überflogen, Routine eben. Die Arbeitsschritte vorgefasst, Seminarraum und Flipcharts vorbestellt, das Übliche.

Die Wegstrecke unerwartet umständlich. Erst der Flug von München nach Frankfurt, dann ein Stück Bahnfahrt, endlich das Taxi. Am Nachmittag das Vorgespräch im Betrieb, Abendessen mit dem Vorstand. Das Übliche.

Das hübsche Hotel nicht ganz so hübsch wie von der Sekretärin beabsichtigt.

Sie hat sich in den Garten des Hotels gesetzt. Die hölzerne Bank und ihre weiße Hose, sie weiß nicht recht, sucht nach einem Kissen, ohne eines zu finden. Das flirrende Zittern der Blätter im Baum über ihr, grün und silbrig-seiden ihr Spiel. Sie spürt den leichten warmen Windhauch, der über ihr Gesicht streicht. Sehr leicht ist der Wind, sie ist verwundert. „Es müsste ein Sturm sein, es ist nicht logisch, dass sie derart zittern“, denkt sie und fällt in einen Schlaf, aus dem sie Momente später hochschreckt. Sie weiß, dass sie intensiven Nachtschlaf braucht, keinen Sekundenschlaf jetzt, morgen wird sie den ganzen Tag gefordert sein. Als sie aufsteht, fühlt sie eine vibrierende Schwere in den Beinen. Sie streift die blauen Sandaletten ab, fühlt das Gras unter ihren Füßen, weich und kühl.

Auf dem Zimmerschlüssel steht eine 18. Aus Erfahrung weiß sie, es ist der erste Stock, dort wird sie die Zimmernummer 18 finden. Der obere Flur im ersten Stock ist schmal, der dunkelrote Teppich schluckt den Schall, das weiß sie, und dennoch treten ihre Füße so zaghaft in den Velours, als hätten sie Angst, ihn zu beschädigen. Sie verharrt für Augenblicke, es ist still, Tür an Tür, irgendwo die 18.

Sie fühlt den Velours weich und zwingend. Es zieht sie in den schmalen Flur, die Nummer 18 sieht sie nicht, nur die unendliche Folge von Türen. Eine Tür ist einen Spalt weit geöffnet, es ist nicht die 18.

„Entschuldigung“, sagt sie zu dem Mann, der über das Waschbecken gebeugt steht, „es ist unlogisch.“ Sie setzt sich auf den Stuhl an dem kleinen Hoteltisch. Er schaut fragend auf. Sie sieht, es ist ein Klempner, die Arbeitshose, die Zange in der Hand. „Es ist selten etwas logisch“, antwortet er und kommt mit seinen fragenden Augen auf sie zu. Sie wundert sich, er ist ein Klempner. „Das ist nicht logisch“, sagt sie. Er folgt ihrem Blick zum Fenster. Seine Augen fragen nicht mehr, sie wissen. „Es ist eine Zitterpappel“, antwortet er und setzt sich auf den Stuhl ihr gegenüber.

Die schwere Zange, die er eben noch in der Hand gehalten hat, liegt auf dem Tisch, seine Hände daneben. Sie sieht den Schmutz um die Fingernägel und sie tastet vorsichtig über die rauen Ränder. Nagelhaut spürt sie, eingerissen an einem Finger. Sie streicht sie glatt.

Seine freie Hand legt sich über ihre, die harte Handfläche lässt sie erschauern. Sie versucht sein Gesicht zu erkennen, sie sieht nur die Augen. Und sie fühlt seine Hände. „Morgen“, denkt sie, „morgen wird alles sein wie immer.“

Sie versucht sein Gesicht zu erkennen, doch sie sieht nur die Augen. Und sie fühlt die harte Hand. Ein wenig bewegt sie ihre unter der harten Schale seiner Hand. „Das ist wie bei dem Blatt der Zitterpappel“, sagt er und sie spürt den leichten Druck seiner Hände, denn er hat jetzt beide Hände auf ihre gelegt. Sie schließt die Augen, möchte den leichten harten Druck fühlen. Sie hört ihn seinen Satz wiederholen. „Wie bei der Zitterpappel“, sagt er, dreht ihre Handflächen um und schaut sie erwartungsvoll an.

Zart streichen seine Finger über die Innenflächen ihrer Hand, sie fühlt ein leises Erschauern und nimmt erstaunt wahr, dass ihr Herz schlägt. Jetzt legt er seine Handflächen neben ihre. Sie sieht die scharfen Einkerbungen, sieht die schwieligen Verdickungen, die dunkle Färbung der Haut. „Wie die Blätter, eine Seite silbrig zart, die andere dunkel.“ Dann schweigt er, sie hört ihr Herz schlagen, glaubt, er müsse es auch hören, aber sie kann es nicht still machen. Seine Stimme kommt von weit her, kommt näher, berührt sie, wie seine Hände sie berühren.

Sie sucht nach der Realität. „Man muss seine Arbeit beenden“, sagt sie und sieht, wie er die große Zange in eine lederne Werkzeugtasche legt. Er geht zum Waschbecken, hebt anderes Werkzeug auf und legt es hinzu. Schwarz, kantig und schwer ist die Tasche, sie riecht ölig, als er sie auf den kleinen Tisch im Hotelzimmer stellt. Dann greift er in die Brusttasche seines Overalls und zieht ein Büschel kräftiger, heller Fäden hervor. Wie ein blonder Haarzopf liegen die Fäden in seiner Hand. Er greift nach ihrer Hand und lässt sie über die sperrigen, goldenen Fäden streichen.

Draußen vor dem Fenster sieht sie das zittrige Tanzen der Blätter. Es flackert silbern draußen vor dem Fenster. Sie schließt die Augen für Sekunden und riecht das Öl. „Flachs für die Dichtung“, sagt er und legt das Haarbüschel in die Werkzeugtasche. „Die Geliebte des Klempners“, hört sie ihn sagen und leise lachen.

Sie steht auf. Der Stuhl schabt über den Boden, als ihre Beine ihn zurückschieben. Langsam geht sie auf die Tür zu, er folgt ihr, steht hinter ihr. An ihrem Rücken spürt sie den harten Stoff des Overalls, die gewölbte Brusttasche. Als sie sich zu ihm dreht, atmet sie den Geruch seines Körpers ein, seinen Schweiß, den Geruch von Schmutzwasser und Dichtungsmittel und sie beginnt, etwas von der dunklen Seite des Blattes zu ahnen.

„Zimmer 18“, sagt sie.

Drei Flipcharts stehen im Seminarraum, alles wie immer. Routine eben. Das linke für die Schwierigkeiten, das rechte für die Hoffnungen. Die Mitte wird den Kompromiss abbilden. So ist der Arbeitsprozess. Karteikarten für die Stichwörter hat sie vorbereitet, sie liegen bereit. In Farbe. Grau für die Schwierigkeiten, violett für die Hoffnungen. Sie werden gemischt in der Mitte haften am Ende der Veranstaltung. Routine eben. In der Mitte wird ein Farbgemisch für die Zuversicht angeheftet sein.

Sie schließt die Augen und sieht das silbrige Zittern. In den feinen Membranen ihrer Nasenhaare hat sich der Geruch von Öl verfangen, ein Hauch nur, aber er ist stark genug, für einen winzigen Augenblick die Routine zu brechen. Sie schiebt die grauen Karten auf die Seite der Hoffnung und die violetten zu den Schwierigkeiten. Sie weiß, es wird nichts ändern.

Ihr Armanishirt riecht nach Öl. Ein wenig nur. Vor dem Fenster keine Zitterpappel, kein silbriges Tanzen. Sie ist irritiert über ihre Erwartung, denn dies ist ein anderes Gebäude, das Seminargebäude, nicht das Hotel. Der Himmel draußen grau. Wie die Karten für die Hoffnung. Violett für die Schwierigkeiten, so fühlt es sich richtig an, aber es wird nichts ändern.

Der Seminarraum füllt sich, mechanisch suchen ihre Hände den perfekten Sitz von Blazer, Shirt und Edeljeans. Und sie fühlt einen feinen, rauen Faden, der am Ärmel ihres Blazers haftet.

Die Geliebte des Klempners.