Der Chef hat ihr den Auftrag zugeteilt: Kleinstadt im Hessischen,
mittelständischer Betrieb, mehr Kosten als Gewinn. Das Übliche also,
sie kennt das. Sie wird Personal reduzieren, den Arbeitsablauf
optimieren und die Zuversicht verbreiten, dass die Zahlen in Kürze
wieder schwarz sein werden. Der zeitliche Rahmen für die Beratung wird
auf zwei Tage festgelegt, sie ist sicher, die Zeit wird reichen.
„Ich habe ein hübsches Hotel reserviert“, lächelt die Sekretärin,
„wenigstens nett sollen Sie es haben.“
Viel Gepäck braucht sie nicht, ihr kleiner Rolli reicht. Die
Uniform ist immer die gleiche: Edeljeans, im Sommer weiß. Dazu das
Armanishirt und den blauen Blazer, im Sommer den seidigen. Sie wählt
die blauen Sandaletten mit den hohen Absätzen.
Die schmale lederne Aktenmappe fasst die Unterlagen, die ihr
zugesandt wurden. Sie hatte sie überflogen, Routine eben. Die
Arbeitsschritte vorgefasst, Seminarraum und Flipcharts vorbestellt,
das Übliche.
Die Wegstrecke unerwartet umständlich. Erst der Flug von München
nach Frankfurt, dann ein Stück Bahnfahrt, endlich das Taxi. Am
Nachmittag das Vorgespräch im Betrieb, Abendessen mit dem Vorstand.
Das Übliche.
Das hübsche Hotel nicht ganz so hübsch wie von der Sekretärin
beabsichtigt.
⁂
Sie hat sich in den Garten des Hotels gesetzt. Die hölzerne Bank
und ihre weiße Hose, sie weiß nicht recht, sucht nach einem Kissen,
ohne eines zu finden. Das flirrende Zittern der Blätter im Baum über
ihr, grün und silbrig-seiden ihr Spiel. Sie spürt den leichten warmen
Windhauch, der über ihr Gesicht streicht. Sehr leicht ist der Wind,
sie ist verwundert. „Es müsste ein Sturm sein, es ist nicht logisch,
dass sie derart zittern“, denkt sie und fällt in einen Schlaf, aus dem
sie Momente später hochschreckt. Sie weiß, dass sie intensiven
Nachtschlaf braucht, keinen Sekundenschlaf jetzt, morgen wird sie den
ganzen Tag gefordert sein. Als sie aufsteht, fühlt sie eine
vibrierende Schwere in den Beinen. Sie streift die blauen Sandaletten
ab, fühlt das Gras unter ihren Füßen, weich und kühl.
Auf dem Zimmerschlüssel steht eine 18. Aus Erfahrung weiß sie, es
ist der erste Stock, dort wird sie die Zimmernummer 18 finden. Der
obere Flur im ersten Stock ist schmal, der dunkelrote Teppich schluckt
den Schall, das weiß sie, und dennoch treten ihre Füße so zaghaft in
den Velours, als hätten sie Angst, ihn zu beschädigen. Sie verharrt
für Augenblicke, es ist still, Tür an Tür, irgendwo die 18.
Sie fühlt den Velours weich und zwingend. Es zieht sie in den
schmalen Flur, die Nummer 18 sieht sie nicht, nur die unendliche Folge
von Türen. Eine Tür ist einen Spalt weit geöffnet, es ist nicht die
18.
„Entschuldigung“, sagt sie zu dem Mann, der über das Waschbecken
gebeugt steht, „es ist unlogisch.“ Sie setzt sich auf den Stuhl an dem
kleinen Hoteltisch. Er schaut fragend auf. Sie sieht, es ist ein
Klempner, die Arbeitshose, die Zange in der Hand. „Es ist selten etwas
logisch“, antwortet er und kommt mit seinen fragenden Augen auf sie
zu. Sie wundert sich, er ist ein Klempner. „Das ist nicht logisch“,
sagt sie. Er folgt ihrem Blick zum Fenster. Seine Augen fragen nicht
mehr, sie wissen. „Es ist eine Zitterpappel“, antwortet er und setzt
sich auf den Stuhl ihr gegenüber.
Die schwere Zange, die er eben noch in der Hand gehalten hat, liegt
auf dem Tisch, seine Hände daneben. Sie sieht den Schmutz um die
Fingernägel und sie tastet vorsichtig über die rauen Ränder.
Nagelhaut spürt sie, eingerissen an einem Finger. Sie streicht sie
glatt.
Seine freie Hand legt sich über ihre, die harte Handfläche lässt
sie erschauern. Sie versucht sein Gesicht zu erkennen, sie sieht nur
die Augen. Und sie fühlt seine Hände. „Morgen“, denkt sie, „morgen
wird alles sein wie immer.“
Sie versucht sein Gesicht zu erkennen, doch sie sieht nur die
Augen. Und sie fühlt die harte Hand. Ein wenig bewegt sie ihre unter
der harten Schale seiner Hand. „Das ist wie bei dem Blatt der
Zitterpappel“, sagt er und sie spürt den leichten Druck seiner Hände,
denn er hat jetzt beide Hände auf ihre gelegt. Sie schließt die Augen,
möchte den leichten harten Druck fühlen. Sie hört ihn seinen Satz
wiederholen. „Wie bei der Zitterpappel“, sagt er, dreht ihre
Handflächen um und schaut sie erwartungsvoll an.
Zart streichen seine Finger über die Innenflächen ihrer Hand, sie
fühlt ein leises Erschauern und nimmt erstaunt wahr, dass ihr Herz
schlägt. Jetzt legt er seine Handflächen neben ihre. Sie sieht die
scharfen Einkerbungen, sieht die schwieligen Verdickungen, die dunkle
Färbung der Haut. „Wie die Blätter, eine Seite silbrig zart, die
andere dunkel.“ Dann schweigt er, sie hört ihr Herz schlagen, glaubt,
er müsse es auch hören, aber sie kann es nicht still machen. Seine
Stimme kommt von weit her, kommt näher, berührt sie, wie seine Hände
sie berühren.
Sie sucht nach der Realität. „Man muss seine Arbeit beenden“, sagt
sie und sieht, wie er die große Zange in eine lederne Werkzeugtasche
legt. Er geht zum Waschbecken, hebt anderes Werkzeug auf und legt es
hinzu. Schwarz, kantig und schwer ist die Tasche, sie riecht ölig, als
er sie auf den kleinen Tisch im Hotelzimmer stellt. Dann greift er in
die Brusttasche seines Overalls und zieht ein Büschel kräftiger,
heller Fäden hervor. Wie ein blonder Haarzopf liegen die Fäden in
seiner Hand. Er greift nach ihrer Hand und lässt sie über die
sperrigen, goldenen Fäden streichen.
Draußen vor dem Fenster sieht sie das zittrige Tanzen der Blätter.
Es flackert silbern draußen vor dem Fenster. Sie schließt die Augen
für Sekunden und riecht das Öl. „Flachs für die Dichtung“, sagt er und
legt das Haarbüschel in die Werkzeugtasche. „Die Geliebte des
Klempners“, hört sie ihn sagen und leise lachen.
Sie steht auf. Der Stuhl schabt über den Boden, als ihre Beine ihn
zurückschieben. Langsam geht sie auf die Tür zu, er folgt ihr, steht
hinter ihr. An ihrem Rücken spürt sie den harten Stoff des Overalls,
die gewölbte Brusttasche. Als sie sich zu ihm dreht, atmet sie den
Geruch seines Körpers ein, seinen Schweiß, den Geruch von
Schmutzwasser und Dichtungsmittel und sie beginnt, etwas von der
dunklen Seite des Blattes zu ahnen.
„Zimmer 18“, sagt sie.
⁂
Drei Flipcharts stehen im Seminarraum, alles wie immer. Routine
eben. Das linke für die Schwierigkeiten, das rechte für die
Hoffnungen. Die Mitte wird den Kompromiss abbilden. So ist der
Arbeitsprozess. Karteikarten für die Stichwörter hat sie vorbereitet,
sie liegen bereit. In Farbe. Grau für die Schwierigkeiten, violett für
die Hoffnungen. Sie werden gemischt in der Mitte haften am Ende der
Veranstaltung. Routine eben. In der Mitte wird ein Farbgemisch für die
Zuversicht angeheftet sein.
Sie schließt die Augen und sieht das silbrige Zittern. In den
feinen Membranen ihrer Nasenhaare hat sich der Geruch von Öl
verfangen, ein Hauch nur, aber er ist stark genug, für einen winzigen
Augenblick die Routine zu brechen. Sie schiebt die grauen Karten auf
die Seite der Hoffnung und die violetten zu den Schwierigkeiten. Sie
weiß, es wird nichts ändern.
Ihr Armanishirt riecht nach Öl. Ein wenig nur. Vor dem Fenster
keine Zitterpappel, kein silbriges Tanzen. Sie ist irritiert über ihre
Erwartung, denn dies ist ein anderes Gebäude, das Seminargebäude,
nicht das Hotel. Der Himmel draußen grau. Wie die Karten für die
Hoffnung. Violett für die Schwierigkeiten, so fühlt es sich richtig
an, aber es wird nichts ändern.
Der Seminarraum füllt sich, mechanisch suchen ihre Hände den
perfekten Sitz von Blazer, Shirt und Edeljeans. Und sie fühlt einen
feinen, rauen Faden, der am Ärmel ihres Blazers haftet.
Die Geliebte des Klempners.
Sigrid Dobat